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Presse „Götter in Weiß“ am 15.11.2017 um 20:15 Uhr, ARD

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Diskussion zu ARD-Klinikdrama
Funktionär trifft Mensch
Die Ärztekammer Berlin zeigt die Preview eines ARD-Dramas über kriminelle Machenschaften in Kliniken. In einer bemerkenswerten Diskussion zeigt sich, wie schwer sich Verbandsleute tun,
außerhalb ihrer Blase zu kommunizieren. Als die Ärztekammer Berlin am Mittwochabend einen Saal im Erdgeschoss ihres Hauses zu einem kleinen Kino umfunktionierte, war es nicht das erste
Mal, dass an diesem Ort in der Friedrichstraße ein Film gezeigt wurde. Vor mehr als hundert Jahren nämlich betrieb hier der – wegen NSVerstrickungen später in Verruf geratene – Filmpionier Oskar Messter das laut Ärztekammer „weltweit erste professionelle Filmstudio“. Die besondere Geschichte der eigenen Adresse war ein Grund, warum Kammerpräsident Dr. Günther Jonitz hier nun die Preview zum ARD-Drama „Götter in Weiß“ ausrichten ließ, mit anschließender Podiumsdiskussion. Es war ein bemerkenswerter Abend. Nicht so sehr, weil die Ärztekammer zum Kino wurde. Sondern weil Krankenkassen- und Klinikfunktionäre hier der für sie offenbar seltenen Begegnung mit Menschen ausgesetzt wurden, die nicht tief im Gesundheitswesen verwurzelt sind. Dabei zeigte sich deutlich, wie entrückt auf Letztere inzwischen oft die Ersteren wirken. „Götter in Weiß“ läuft am 15. November zur besten Sendezeit, 20.15 Uhr, in der ARD. Claudia Michelsen spielt im Film eine Chirurgin, der nach einer geglückten Routine-Operation fast ein Kind stirbt, weil es im OP-Saal offenbar multiresistente Keime gibt. Schuld, stellt sich später heraus, sind kriminelle Machenschaften anderer Ärzte und des ärztlichen Direktors, die versuchen, dem steigenden Spardruck durch den Klinikbetreiber gerecht zu werden. Die Klinik erscheint im Film nicht als rettende Institution, sondern als Geldmaschine, der jeder versucht zu entfliehen, der noch nicht als Fallpauschale monetarisiert wurde. Der Film ist dramaturgisch gut gemacht, aufgehangen am Schicksal eines Kindes – es ist also absehbar, dass nach seiner Ausstrahlung in vielen deutschen Wohnzimmern erneut die Frage gestellt werden wird, was deutschen Ärzten nicht alles zuzutrauen ist, sind sie erst einmal im Hamsterrad des Wirtschaftsbetriebs Krankenhaus gefangen. Hauptdarstellerin nahe am Wutausbruch Georg Baum war also gar nicht begeistert. Als Hauptgeschäftsführer der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) kam er schon mit emotionalem Rucksack in die Ärztekammer, denn am Mittwochmorgen musste er bereits einer öffentlichkeitswirksamen Studie entgegentreten, laut der in deutschen Kliniken aus Profitinteresse unnötig oft operiert würde. Baum brauchte daher auch nicht lange, um zu betonen, dass es an deutschen Kliniken im internationalen Maßstab sehr wenige nosokomiale Infektionen gebe. Der Film zeige, wie Debatten darüber von „professionellen Geschichtenantreibern angefeuert würden“. Das fördere eine „Misstrauenskultur“, die bei Patienten „Ängste und Nöte auslöst“. Letztlich seien schätzungsweise ein paar tausende Fälle multiresistenter Keime bei rund 20 Millionen Krankenhausbehandlungen eine sehr geringe Quote. Mit Fällen meinte Baum Todesfälle. Es sind Sichtweisen, die im Mikrokosmos Gesundheitspolitik kaum bemerkt würden. Nur saßen im Publikum der Ärztekammer mehrheitlich Menschen, die sich in dieser Welt sonst nicht bewegen, und sie gaben deutlich ihrem Entsetzen Ausdruck. Nah entlang am Wutausbruch bewegte sich dann Hauptdarstellerin Michelsen, die Baum fragte, ob er „eigentlich gar kein Problem sieht? Wollen Sie abstreiten, dass im Krankenhaus Patienten produziert werden?“ Michelsen wünschte sich, dass Baum „selbst mal eine Woche in jedem Ihrer Krankenhäuser verbringt, und zwar im Bett“. Und Regisseur Elmar Fischer äußerte Schaudern, dass Baum „über viertausende Tote einfach so hinweggeht“. Ärzte „endlich auch Täter“ Baum ist geübt im diskursiven Ping-Pong mit Vertretern von Krankenkassen und Kassenärztlicher Bundesvereinigung, aber nicht mit aufgebrachten Künstlern, und man merkte ihm sein Unbehagen darüber in der Diskussion deutlich an. Nicht unbedingt deeskalierend wirkten da die Wortmeldungen von Wulf-Dietrich Leber, Abteilungsleiter Krankenhäuser des Spitzenverbands der Gesetzlichen Krankenversicherungen. Leber hatte sich offenbar vorgenommen, der Debatte mit Humor die Schärfe zu nehmen, was dann aber völlig nach hinten losging. „Ein bisschen retro“, setzte er zur Filmkritik an, sei allein schon der Gedanke, dass „eine Ärztin uns rettet“, geht es um die neue Gefahr multiresistenter Keime. Auf die, zugegeben doch leicht naiv vorgetragene Privatisierungs-Kritik von Regisseur Fischer, reagierte Leber dann gänzlich falsch. „Es ist ein Segen, dass kommunale Kliniken privatisiert wurden“, sagte er. „Stellen Sie sich mal vor, Berliner Kliniken würden arbeiten wie die Berliner Verwaltung. Das wäre ein reines Massensterben.“ Um sicher zu gehen, auch wirklich das gesamte Publikum gegen sich
aufzubringen, brachte Leber dann noch eine ironische Idee ins Spiel, wie man mehr Ärzte und damit mehrSicherheit in die Kliniken bringen könnte. „Wenn Ärzte bereit wären, für das Durchschnittseinkommen ihrer Patienten zu arbeiten, dann könnten wir dreimal so viele von ihnen einstellen und hätten nicht so viel Stress.“ Ironie, das zeigten die anschließenden Buhrufe, braucht gutes Timing. Im Übrigen, sagte Leber dann noch, sei es doch gut, „dass im Film die Ärzte endlich mal nicht nur Opfer sind, sondern auch Täter“. „Der Film ist sehr realistisch“.

Für Baum und Leber war an diesem Abend nichts mehr zu gewinnen, zumal aus zwei nicht unberufenen Mündern deutlich gemacht wurde, dass „Götter in Weiß“ weit weniger Fiktion enthalte, als es Baum und Leber vielleicht wahrhaben wollten. Kammerpräsident Jonitz, der seit Längerem intensiv für eine „wertebasierte Medizin“ trommelt und zum Thema im vergangenen Jahr einen Kongress in Berlin ausrichtete, sagte, dass Kostendruck in Kliniken durchaus zu mannigfaltigen Problemen führe. „Die Zustände gibt es schon lange, und sie waren der Grund, warum ich aus der Klinik raus und in die Politik reingegangen bin.“ Maßstab für die Arbeit in Kliniken sei allein das Geld, und dieses Interesse stehe im Zweifelsfall auch über dem Patientenwohl. „Das ist Ergebnis einer verfehlten Gesundheitspolitik“, meinte Jonitz. Und ein in einer Klinik tätiger Chirurg aus dem Publikum gab DKG-Chef Baum dann sehr knapp den Rest. Der Film, sagte er, „ist sehr realistisch“.
Der auf Ärzte gemünzte Filmtitel „Götter in Weiß“ ist in der öffentlichen Wahrnehmung sowieso nur noch mit mehreren Fragezeichen gültig. Als Tagesthemen-Moderatorin Pinar Atalay gestern dann auch noch Pfleger Niels H., dem inzwischen der Mord an 90 Patienten vorgeworfen wird, in die Diskussion über die ärztliche Versorgung in Deutschland einrührte – spätestens da wurde deutlich, dass sich Vertreter des deutschen Gesundheitswesens auf zunehmend schärfere Töne in der öffentlichen Auseinandersetzung einstellen müssen. Diskussionen zu ARD-Filmen können da schon ein ganz guter Ansatz sein. Vielleicht sollte der ein oder andere aber auch noch ein Kommunikationsseminar draufsetzen. Ansonsten wird der Vorwurf, hier vorgebracht von Schauspielerin Michelsen gegen Georg Baum, noch öfter zu hören sein: „In welcher Blase leben Sie eigentlich?“, wollte Michelsen von ihm wissen. „Sie können da doch nicht einfach so drüber hinwegbabbeln.“

08.11.2017 13:17:56, Autor: Thomas Trappe, änd, © änd Ärztenachrichtendienst Verlags-AG
Quelle: https://www.aend.de/article/182439

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